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Bewegung ist alles
Warum Susan Neiman für Berlin ein Glücksfall ist
Von Jörg Lau
Die Philosophin Susan Neiman hat eine spannungsreiche Beziehung zu Berlin: Anfang der Achtziger war sie aus Harvard hierher gekommen, um eine Kant-Dissertation abzuschließen. Aus einem Jahr wurden dann mehr als fünf, weil "damals in Berlin mehr Philosophie in jeder Kreuzberger Kneipe war als in allen Seminaren von Cambridge". Seinerzeit jedenfalls schien es ihr so: Wer in den Sechzigern in der Südstaatenmetropole Atlanta aufgewachsen war und als junger Mensch über die intellektuellen Erregtheiten Europas (Cabaret! Café de Flore!) zu fantasieren begonnen hatte, den musste es einfach kitzeln, dass man in Charlottenburg tatsächlich eine Wohnung an der Ecke Kant- und Leibnizstraße bekommen konnte.
Die Mauer, die Kneipen, die Vergangenheitsbewältigung, der real existierende Sozialismus per S-Bahn erreichbar, "Berlin Atonal", die Hausbesetzerbewegung, die Einstürzenden Neubauten das alles war höchst interessanter Stoff für eine junge Frau aus den politisch-moralisch relativ übersichtlichen Verhältnissen der jüdischen Diaspora in den USA. Susan Neiman hat über ihre Zeit in den letzten Jahren des alten West-Berlin einen auch für Einheimische sehr erhellenden Roman geschrieben (Slow Fire).
Man riskiert nicht viel, wenn man prophezeit, dass Neiman im Kulturleben der Hauptstadt in den kommenden Jahren noch manche Spur hinterlassen wird. Seit etwas mehr als zwei Jahren leitet sie, zuvor Professorin für Philosophie in Yale und Tel Aviv, das in Potsdam beheimatete, aber stark nach Berlin einwirkende Einstein-Forum. Schon unter dem Gründungsdirektor Gary Smith hatte das Forum die besten Denker der Gegenwart über Ethik, Geschichte, Kunst und Natur zu Wort kommen lassen. In wenigen Jahren bewies man in Potsdam, dass auch mit einem kleinen Stab von Leuten ein Maximum an intellektueller Auf- und Anregung erzeugt werden kann. Susan Neiman ist genau die richtige Frau, um diese Tradition fortzusetzen, und sie hat auch schon gezeigt, wie sich dabei gemäß ihren eigenen Leidenschaften und Interessen die Koordinaten verschieben werden. Das Forum unter Susan Neiman agiert deutlich politischer und aktueller als zuvor. Die Zukunft der deutschen Philosophie, die Zukunft der analytischen Philosophie wurden in den letzten Semestern von maßgeblichen Vertretern der Zunft ausgeleuchtet, und soeben hat Neiman es vermocht, bei einer großen Konferenz in Berlin prominente Sprecher der gesprächsbereiten Lager des Nahostkonflikts zusammenzubringen. Wo kann man sonst derart unterschiedliche Dinge in einem Programm unterbringen: brennende politische Fragen ebenso wie neueste Forschungen aus den Biowissenschaften und der Moralphilosophie?
"Wenn ich mich für intellektuelle Hausgötter entscheiden müsste, dann wären das eher helle Geister wie Hannah Arendt und Jean Améry als mystische Temperamente wie Gershom Scholem und Walter Benjamin", sagt Neiman. Sie sieht sich in der Tradition der Aufklärung: "Das ist eine für mich weiterhin gültige Weltanschauung." Allerdings hat Aufklärung, wie Neiman sie buchstabiert, nichts mit den erkenntnisphilosophischen und sprachanalytischen Trockenübungen zu tun, in denen diese große Denktradition in den vergangenen Jahrzehnten auszulaufen schien. Dem Erbe ihres kürzlich verstorbenen Lehrers John Rawls wird ein Symposium im Februar gewidmet sein. Susan Neiman aber ist keine brave Schülerin, die sich nun etwa darauf beschränkt, Rawls Theorie der Gerechtigkeit auszudebattieren. Ihr neues Buch, soeben erschienen, widmet sich dem Problem des Bösen im Denken der Moderne ungewöhnlich für eine Linksliberale: Das Böse ist generell eher ein Thema für Rechte und Renegaten. Neiman hat dieses große Werk kühn als eine "alternative Philosophiegeschichte" untertitelt, und die ersten begeisterten Reaktionen geben ihr Recht: Selbst Tageszeitungen wie die Washington Post widmeten Neimans Buch große Besprechungen. Das ist höchst ungewöhnlich für ein philosophiehistorisches Fachbuch.
Aber das Thema liegt ja andererseits nach dem 11. September und der Bush-Rede von der "Achse des Bösen" in der Luft. Neiman gibt dem Bösen seine philosophiehistorische Bedeutung zurück: Sie spannt den Bogen vom Erdbeben von Lissabon bis zum Eichmann-Prozess mithin vom Naturdesaster, das einen furchterregenden Riss in der Schöpfung aufgehen lässt und die Unterscheidung von moralischen und natürlichen Übeln nötig macht, bis zur Entdeckung der "Banalität des Bösen", der Rückkehr des alten Theodizee-Problems in Gestalt der Frage, wie man zu einer Welt Vertrauen haben kann, in der ein Eichmann möglich war.
Der 11. September und die folgenden Akte des Terrors sind ebenfalls nicht ohne den Begriff des Bösen zu begreifen, sagt Neiman. Die Linke habe sich von ihrem Abscheu gegenüber der Bush-Regierung und ihrer Rhetorik den Blick darauf verstellen lassen, dass man es hier nicht mit der Rache der Enterbten, sondern mit einer gewissermaßen "altmodischen Form des Bösen" zu tun hatte: mit einem totalen Zerstörungswillen, der bewusst und absichtsvoll "die unberechenbare Gewalt der Natur" nachahmt und darauf zielt, das menschliche Weltvertrauen zu zerstören.
Susan Neiman hat für ihr Buch mit einer erstaunlichen Furchtlosigkeit in diese Abgründe geblickt. Sie macht erfreulicherweise aus der Faszination des Bösen keinen Kult. Sie hat für das hierzulande übliche bedeutungsvolle Raunen bei diesem Thema nichts übrig. Es ist ein Glücksfall, dass Susan Neiman, eine temperamentvolle Frau mit kühlem Kopf, wieder einmal in Berlin hängen geblieben ist.
(c) Erschienen in DIE ZEIT vom 2. Januar 2003.
Abdruck mit freundlicher Genehmigung von DIE ZEIT.
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