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Das Böse ist immer und überall
Susan Neiman
unternimmt
einen Streifzug
durch die
Philosophiegeschichte
und rehabilitiert
einen verpönten
Begriff
von Mariam
Lau
Es war nicht nur die viel belächelte Rhetorik George W. Bushs,
die den Begriff des Bösen angesichts des Terrors vom 11. September wieder
ins Spiel brachte. Die Art des Angriffs: ohne Vorwarnung, ohne Botschaft,
mit willkürlicher Auswahl der Opfer und klarer Absicht, so viele wie möglich
zu töten – hatte die moralischen Ressourcen der Postmoderne erschöpft. Genau
an dieser Überforderung, so behauptet die Philosophin Susan Neiman, kann
man den Unterschied zwischen einem gewöhnlichen Verbrechen und dem Bösen
erkennen. Zwar tauchten bald Erklärungen auf; sie erinnerten aber an Zeiten,
in denen man Katastrophen noch als Strafen betrachtete. Dazu gehörte die
Idee christlicher Fundamentalisten, der Angriff sei der Preis für Abtreibungen,
aber auch die verbreitetere Vorstellung, New Yorker ernteten nun den Sturm,
den das Pentagon und die Wall Street gesät hätten. Der tönerne Klang dieser
Invektiven verriet gleich, womit man es zu tun hatte: Formen des magischen
Denkens, deren Ursprung immer die kindliche Hoffnung auf Selbstrettung ist.
Wenn IBM schuld ist und ich das auch laut sage, wird Osama Bin Laden mir
nichts tun.
Susan Neiman, derzeit Leiterin des Einstein-Forums in Potsdam,
plädiert in ihrer beeindruckenden Philosophiegeschichte „Evil in Modern Thought“
trotzdem für eine Wiederaufnahme des Begriffs des Bösen in unser Repertoire
der Welterklärungen. Sie exerziert an den Beispielen des Erdbebens von Lissabon
1755 einerseits und von Auschwitz andererseits, dass er sich ohne Mystifizierungen
mit intellektuellem Gewinn verwenden lässt. Mehr noch: Sie kann belegen,
dass es in der Philosophiegeschichte (spätestens) seit der Aufklärung im
Kern immer um dieses Problem ging. „Ich kam zur Philosophie, um Fragen von
Leben und Tod zu studieren, und erfuhr, dass Professionalisierung bedeutet,
sie zu vergessen. Je mehr ich lernte, desto mehr war ich vom Gegenteil überzeugt:
Die Geschichte der Philosophie wird beflügelt von den Dingen, die uns hierher
gebracht haben.“
Aus eben diesem Grund ist Neimans Sprache klar, elegant und
einladend, auch für Nicht-Philosophen; jedes „mot“ ist „bon“, wie Michael
Walzer im Klappentext vermerkt. Plötzlich erhalten die Texte, die sie Revue
passieren lässt – von Leibniz bis zu Hannah Arendt und Adorno – eine neue
Dringlichkeit: Es geht tatsächlich wieder um Leben und Tod.
Die „Erzählung“, die daraus entstanden ist, ließe sich folgendermaßen
verknappen: Spätestens mit dem Buch Hiob saß Gott auf der Anklagebank. Warum
müssen Unschuldige leiden? Nun, Gott selbst – so die Antwort des Christentums
– litt auch: Hiob ist die Frage, Jesus die Antwort. Aber kann ein Gott, der
ewig das sündige Leben straft, das er selbst geschaffen hat, wirklich die
Zweifel an einem Gott besiegen, der ewig das sündige Leben straft, das er
selbst geschaffen hat? Es liegt auf der Hand, dass die Theodizee gar keinen
Begriff des Bösen haben kann – denn alles, was ist, ist letztlich gut.
Bei Rousseau wird erstmals moralisches von natürlichem Übel
getrennt; die Verantwortung für menschliches Elend geht immer mehr auf den
Menschen über. Der portugiesische König fragte seinen Minister, wie man auf
das Erdbeben reagieren sollte, das innerhalb von zehn Minuten mindestens
15 000 Opfer gefordert und die reiche Handelsstadt in Schutt und Asche gelegt
hatte; es folgten ein Großbrand und ein Sturm, die es insgesamt sehr schwer
machten, nicht an ein apokalyptisches Strafgericht zu denken. „Begrabt die
Toten und füttert die Lebenden“ gab Minister Prombal zur Antwort. Je eher
die Leute das Erdbeben für ein natürliches, verstehbares Ereignis hielten
– statt für das Ergebnis ihres sündigen Verhaltens –, desto schneller würde
die Stadt wieder zu ihrem normalen Leben zurückfinden.
Gott wird im Laufe der Geschichte immer mehr aus der Theodizee
vertrieben. Hatte Lissabon das Vertrauen des Menschen in die Welt erschüttert,
zerstörte Auschwitz das Vertrauen des Menschen zu sich selbst. Hier ging
es nicht mehr um die Überwindung von Unwissenheit oder fehlgeleiteten Leidenschaften.
Keine Dialektik der Welt könnte aus der Zwangsarbeit ein sinnvolles Unternehmen
machen, das auf verwinkelte Weise dem Fortschritt zuarbeitet. Hannah Arendts
Buch „Eichmann in Jerusalem“ ist für Neiman die überzeugendste Theodizee,
die das 20. Jahrhundert hervorgebracht hat. Sie sei oft missverstanden worden,
weil Arendt metaphysische Fragen nicht klar genug von politischen getrennt
habe. Ihre Behauptung, Eichmanns Intentionen seien nicht genuin böse gewesen,
stoßen ins Zentrum des Problems vor, das Auschwitz für unser Denken darstellt.
Wir hatten die Verantwortung für das Böse aus Gottes Hand in
die eigene genommen. Zur bösen Tat gehörte daher unweigerlich die böse Absicht.
„Es war genau die Überzeugung, böse Handlungen erforderten böse Absichten“,
so schreibt Neiman, „die es totalitären Regimen erlaubte, die Leute davon
zu überzeugen, moralische Bedenken zu überwinden. . . . Massive propagandistische
Anstrengungen wurden unternommen, die Leute davon zu überzeugen, dass die
kriminellen Handlungen, in die sie verwickelt waren, von akzeptablen, wenn
nicht gar edlen Motiven geleitet waren.“ Himmlers Reise zu den SS-Truppen
in Posen, denen er zurief, es sei gerade die Schwierigkeit, ihre normalen
Hemmungen bei der Erschießung von Frauen und Kindern zu überwinden, die das
Erhabene ihrer historischen Mission ausmachten, ist wohl das berühmteste
Beispiel für solch eine Inversion moralischer Werte.
Die zweite Entdeckung Arendts ist die der Kontingenz, die Hegel
noch so belastet hatte, dass er sie aus der menschlichen Geschichte ausmerzen
wollte. „Wenn man sich durch solche Zeiten wie die des Totalitarismus durchgearbeitet
hat“, so schrieb Hannah Arendt einmal in einem Brief, „ ist das Erste, was
man entdeckt, Folgendes: Man weiß nie, wie jemand sich verhalten wird. Man
erlebt immer wieder die größten Überraschungen! Das betrifft alle Ebenen
der Gesellschaft und die unterschiedlichsten Leute.“
Wenn es aber nichts in der Vergangenheit eines Menschen gibt,
das ihn zu diesem oder jenem Verhalten prädestiniert, dann, so Neiman, ist
er frei in einer Weise, die kein Tyrann je kontrollieren kann. Die Debatte,
was schlimmer war: die GULags, die Atombombe, oder Auschwitz, ist also überflüssig
– denn sie will im Kern nichts anderes, als am Zusammenhang zwischen dem
Bösen und der bösen Absicht festhalten. Deshalb glaubt Neiman auch, dass
der 11. September uns nicht mit einer neuen Form des Bösen konfrontiert hat,
sondern mit jener, die wir nach Lissabon und vor Auschwitz für das Grundmodell
gehalten haben: dem Bösen, das in voller Absicht geschieht.
So richtig schlüssig wird die Unterscheidung nicht. Die Nazis
mögen den Judenmord mit dem höheren Ziel der Erhaltung der arischen Rasse
garniert haben; ein Versehen war er nicht. Und was die Himmelstöne betrifft
– die haben auch die Terroristen des 11. September gehört. Angesichts des
Terrors nicht vom Bösen zu sprechen, hieße für die Autorin indes, die Tat
zu relativieren: ein halber Schritt auf dem Weg zu ihrer Legitimation. „Den
moralischen Diskurs jenen zu überlassen, die weniger Skrupel im Umgang damit
haben, ist eine seltsame Art, die eigenen Skrupel zu erhalten“, schreibt
sie.
Der Begriff des Bösen, wenn er nicht verklärend gebraucht wird,
ist als einziger in der Lage, alle Widerstandskräfte zu mobilisieren. Die
Passagiere des auf Washington zufliegenden Flugs 93, die – im Gegensatz zu
denen der Maschinen in New York – wussten, womit sie es zu tun hatten, fielen
den Terroristen in den Arm, wohl wissend, dass es ihnen selbst nichts mehr
nutzen würde. Ein kleines Wunder, oder jedenfalls ein Zufall. Auf solche
Zufälle wird man seine Hoffnung gründen müssen.
Artikel erschienen am 14. Dez 2002
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